Samstag, abends

Eine Kurzgeschichte anlässlich des Projektes einer guten Freundin und Designerin, Shirley Heim. Veröffentlicht in "Talked to sri host to host, Isolation trotz medialer Vernetzung. Eine Momentaufnahme des Zeitgeistes". Ein Buch, das sich mit der fortschreitenden Digitalisierung und den damit zusammenhängenden Fragen, ob diese nun zur Isolation des Individuums innerhalb unserer Gesellschaft beiträgt oder uns vielleicht doch wieder näher bringt, auseinandersetzt.

 


Samstag, abends

Ich lache. Die anderen lachen auch. Wir sitzen in einer großen Runde. Femi, Hanna, Artus, Levi, Joan, Mimi, Hans und ich. Wir sind viele. Alle reden durcheinander. Alle lachen durcheinander. Was für ein wunderbarer, lauer Abend. Wir sitzen vor der Bar, in der das Bier billig ist, aber bombastisch schmeckt. Auf dem Bürgersteig herrscht reges Treiben, Menschen laufen, lachen und lallen. Die Luft schmeckt nach Tabak und guter Laune. Irgendwo etwas weiter die Straße runter singt jemand italienische Lieder. Bare Füße in Schlappen klappern auf Asphalt. Es ist schon dunkel, trotzdem überall nackte Haut. Alle haben achselfreie Shirts an. Achsel muss ich mindestens einmal am Tag sagen oder schreiben, es ist ein schönes Wort und es bringt mich zum Lachen. Gerne hätte ich auch einen Freund, der Axel heißt. Ich frage in die Runde, ob jemand einen Axel kennt. Sofort entbrennt eine hitzige Diskussion über Namen und was sie mit ihren Trägern anrichten.

„Eltern, die ihr Kind Axel nennen, haben die Kontrolle über ihre Transpiration verloren!“, kreischt Hanna. Artus sagt, dass er sich durchaus vorstellen könnte, Axel zu heißen. Femi findet den Namen Axel widerwärtig und fügt an, dass sie es schon ekelig und beschämend findet, die Höhle unter unseren Armen als Achsel zu bezeichnen. 

„Würdest du also deinen Seelenmenschen nicht an dich ranlassen, wenn er Axel heißen würde?“, fragt Levi sie. „Nein, das würde nicht gehen. Axels sind auch keine Seelenmenschen, schlichtweg ausgeschlossen.“, blubbert Femi in ihr Glas. 

Zeit für die nächste Runde. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken, zu viel Bier. Das Axel-Achsel-Gespräch ist im Sand verlaufen. Joan und Hans spielen angetrunken dieses Spiel, bei dem man sich eigentlich nur gegenseitig schlägt. Oder es wenigstens versucht. Nicht ins Gesicht natürlich, auf die Hände. Aber mit Ohrfeigen wäre das eigentlich auch ein gutes Spiel. Vielleicht beim nächsten Mal.

Glücklich gucke ich in die Runde. Es scheint allen gut zu gehen. Wir sind froh, diesen Abend zu haben. Ihn miteinander teilen zu können. Über Achseln reden und Bier trinken zu können, das sind die Dinge des Lebens. Die, die uns morgens daran erinnern, dass sie das Hämmern im Kopf und die pelzige Zunge wert sind. Ich nehme einen tiefen Schluck aus meinem Glas, lasse ihn mein Gehirn durchspülen und lächle ob des Schwindels, der durch meinen Kopf spukt. Schön. 

„Scheiße!“

„Mimi, nein, nein, du hast Joan falsch verstanden.“

„Was zur verdammten Hölle hast du bei ihm gemacht? Scheiße, scheiße, Levi, wir hatten das. Wir hatten das so oft. Und jedes Mal passiert das wieder. Mit ihr? Bei dir? Was ist los in deinem Hirn? Was für falsche Sachen spielen in deinem Film? Arsch.“

Mimi greift nach ihrer Tasche, steht auf und geht weg. Sie geht in die Richtung, aus der vorhin italienisch gesungen wurde. Jetzt hallt keine Bella und auch keine Mamma mehr über den Bürgersteig. Nur Mimis Absätze, die laute Spuren hinterlassen und dann langsam leiser werden. Ich fröstele. Irgendwie machen freie Achseln jetzt nicht mehr so viel Spaß. Mein Kopf ist viel zu wolkig und der Schlagabtausch grade war viel zu schnell, um aus ihm schlau zu werden. Mit Schleier vor den Augen blicke ich Richtung Levi. Hans jetzt steht auch auf. 

„Idiot.“

Der kümmerliche Rest unserer Runde guckt verzweifelt auf Levi. Der guckt wie ein Welpe ins Leere und murmelt vor sich hin.

„Sie hat das falsch aufgeschnappt. Wirklich. Joan kann das bezeugen. Sie war doch nur bei mir, um sich das Buch wiederzuholen. Mimi wusste davon. Wieso flippt sie aus und ich muss alles ausbaden? Ihr glaubt mir doch? Mann, ist das abgefuckt.“

Levi steht auf. Ohne Kraft, Schultern hängend.  

„Nabend.“

Keiner sagt etwas. Keiner traut sich. Die betrunkenen Köpfe arbeiten außerdem zu langsam, um angemessen reagieren zu können. Auch Levis Schritte entfernen sich langsam, halb so laut wie Mimis ein paar Momente zuvor. Nach und nach erheben sich alle. Zeit, zu gehen. Zeit, die gedämpften Gedanken nach Hause zu tragen. Alle verabschieden sich, Blicke gen Boden gerichtet. Ich laufe die Straße hinunter. Fuß vor Fuß, dabei überschlagende Gedanken. Ich bekomme keinen vernünftigen Satz in meinem Kopf zusammen, mir tun irgendwie die Ohren weh. Vielleicht ein Nebeneffekt, Ohrenrauschen. Ich biege in meine Straße ein, Füße kann ich kaum noch heben. Den Kopf grade so. 

Auf der anderen Straßenseite stehen zwei Männer, irgendetwas klirrt. Augen scharf stellen, schwierig. Im Dunkel lässt sich grade so ausmachen, dass die Typen irgendwas an die Wand geschmiert haben. Nicht mein Ding. Ich schaue genauer hin. Doch mein Ding. Adrett an die Wand geschrieben steht Ausländer raus. Meine Stimme tut sich schwer, laut zu werden.

„Alter. S’soll der Scheiß?“

Vielleicht nicht mein aussagekräftigster Satz, aber immerhin mache ich den Mund auf. Die beiden drehen sich reflexartig um. Alles geht schnell, einer kommt über die Straße auf mich zu. Er packt mich bei der Kehle, drückt zu und mich gleichzeitig gegen die Wand hinter mir. Alles in mir drin fliegt einen halben Meter weiter unten. Herz und Hirn bleiben stehen. Ich packe seine Hände, zerre und ziehe. Auf einmal wird er zurückgerissen. Luft, ich sacke an der Wand ein.

„Was soll das denn, lass uns abhauen!“

„Asoziale Gutmenschen wie dich sollte man von unseren hochgelobten Fachkräften vergewaltigen lassen, du hässliche Schlampe.“

Laute, schwere Schritte. Schnell entfernt sich ihr Echo. Meine Kehle fühlt sich an, wie mit einem Waschlappen durchgewischt, der nicht nass genug gemacht wurde. Keuchend rappele ich mich auf. Arme zittern, Füße stehen nicht ganz grade. Ich bin zu müde, um jemanden anzurufen. Ich laufe die letzten Meter nach Hause, Tränen rollen schmerzhaft warm meine Wangen hinunter. Salz im Mund, Angst im Bauch. Der Schlüssel passt nicht sofort, meine Finger tun sich schwer mit ihm. Endlich, meine Tür schwingt auf. Kaum ist sie zu, sinke ich an dem rauen Holz herab, auf den schmutzigen Teppich. Eingerollt wiege ich mich vor und zurück, unfähig, irgendwas zu tun. Meine Lider sind viel zu schwer, mein Körper kommt mir falsch vor. Die salzigen Wellen auf meinem Gesicht wogen mich in den Schlaf, tief und fest und traurig.

Es klingelt. Viel und laut. Und so lang, wer macht denn sowas?! Verklebte Augen, die sich nur halb öffnen können. Telefon. Es ist mein Telefon. Langsam taste ich den Boden entlang und bewege mich zentimeterweise vor Richtung Vibration. Daphne, es ist nur Daphne.

„Hallo?“
„He, ich bins. Wie war dein Abend?“

„Ah, nichts besonderes, ich war nur zuhause.“

„Wie, nur zuhause?“

„Ach, in der Whats App-Gruppe gab es irgendwie Streit, eigentlich haben wir alle miteinander geschrieben und wollten uns verabreden für Bier, aber irgendwas war zwischen Mimi und Levi. Irgendjemand hat irgendjemanden falsch verstanden, wie immer, wenn wir alle schreiben und das führte dann zu nem großen Drama.“

„Und das hinderte dich am Ausgehen?“

„Nee, irgendwie bin ich online hängen geblieben, dann gab es unter einem Artikel bei Facebook wieder Beef wegen eines Flüchtlingsheims und ich hab versucht, irgendwelchen Arschloch-Nazis die Grenzen aufzuzeigen. Dann ist aber leider der halbe braune Mob auf mich los, inklusive Vergewaltigungsdrohungen und so. Hab mich dann vor lauter Angst, dass die gleich an meine Tür klopfen, in den Schlaf geweint.“

„Oh nein, Armes, ich komm’ und bringe Frühstück, ok?“

„Nee, geht leider nicht, ich muss gleich noch skypen mit dem Büro.“