In Krümeln

Ich sitze am Küchentisch, Ärmel in Krümeln. Das Gefühl ist noch in mir. Die große, dunkle Wolke knautscht sich zusammen, bumpert von einem Organ ans Nächste. Wie Kinder, Rotzfäden zwischen Mund und Nase, in einer Hüpfburg. Ich versuche, einen klaren Gedanken fassen zu können, so richtig will das aber nicht funktionieren. Trost finde ich auch nicht in meinen Krümeln. Ich wische sie weg, sie bohren sich durch Stoff in meine Haut. Dieses Gefühl, dick im Hals, schummrig im Magen. Es geht nicht weg, will es gar nicht. All die kleinen Mittelchen, alle schon probiert. Statt den blöden Gedanken bei der Meditation zu begegnen, ihnen behutsam zu sagen, sie sollen gehen und mich für ihre bisherige Anwesenheit zu bedanken, sitzen wir uns gemütlich gegenüber. An einem zerkratzten Holztisch. Ich meditiere sie nicht weg, ich meditiere mit ihnen. Wir unterhalten uns gut, kennen uns ja jetzt auch schon lange. Wir haben sogar Spaß zusammen, meine unschönen Gedanken haben Humor. Finde ich. Sie sehen eigentlich auch ganz nett aus. Die eine, das ist der wütende Gedanke, hat die Form einer tiefblauen, dunklen Wolke. Sie hat Augen und einen Mund, sogar so kleine Füße, die aus der Wolke herausbaumeln, vielleicht habe ich sie irgendwo schonmal gesehen. In einem Kinderbuch. Meine Gedanken sind illustrierte Kinderträume. Wie lächerlich. 

Trotzdem erdrücken sie mich, meine guten Gedanken, von innen. Sie gehen nicht weg, es hilft nichts. Ich versuche, in einer trojanischen Inszenierung, die guten die schlechten Gedanken besiegen zu lassen. Auch nicht. Nichts. Langsam fühle ich Panik, so eingeklemmt zwischen Gedanken, klebrigem Tisch und anhänglichen Krümeln. Nur die unguten Dinge bleiben haften. Will ich das? Ich möchte nicht, dass etwas, das mich zerdrückt, Teil von mir ist. Ich will, dass es geht und nicht wiederkommt. Möchte lachen, den ganzen Tag, wie all die anderen Reklamegesichter da draußen. Gelingt mir nicht. Wie so vieles. Immer nur die positiven Dinge sehen, nicht auf die negativen konzentrieren. Frühstück am Limit. Zwei Krümel haben sich gefunden, sie halten vielleicht Händchen. Ich freue mich für sie. Wer möchte nicht irgendwann Zeuge einer derartig wunderbaren Zusammenkunft werden? Ich bin froh, dass ich das erlebe. Zu ihrem Glück schenke ich ihnen einen Schubs Milch. Sie baden darin und planschen wie die Wilden. Wild sehe ich mich jetzt nach der Uhr um. Ich muss los. Meine unguten Gedanken nicht. Die sollen bleiben. Sollen machen, dass sie verschwinden. Wenn ich schnell genug rausrenne, bleiben sie vielleicht vor Schreck da, wo sie grade sind. Ich brauche den Atemzug, der mich loseist, mich wegholt von diesem Trauerstück in drei Brötchen. Es klingelt. Vielleicht die Vernunft, die mich jetzt abholt aus meinem Kopfkino. Wer weiß das schon.

Nein. Es ist mein Nachbar Kul. Er möchte wissen, ob ich auch schon gehört habe, dass der Postbote diese Woche noch nicht einmal aufgetaucht ist und ob ich mich anschließen möchte. Anschließen, eine Liste zu unterschreiben. Eine gesammelte Beschwerde des Hauses. In einer Demokratie muss man seine Recht auch einfordern, das ist wichtig. Aufbegehren, mal was sagen. Die Augen meiner Nachbarn trafen noch nicht einmal die meinen und doch kommen wir bei den essentiellen Dingen des Lebens zusammen und stehen dann Hand in Hand. Hand in Hand gegen den Postboten. Der bestimmt einfach überfahren wurde und nun nie wieder Postboten wird. Was schade ist, er hat immer so nett geschwitzt, wenn er mir Pakete in den vierten brachte. Während Kul aufgeregt ausführt, an wen man sich wenden könne mit der wichtigen Liste, schließe ich die Tür. Vor seiner wütenden Kartoffelnase. Ich möchte nicht an der Demokratie dieses Hauses teilnehmen, ich möchte nicht unterschreiben, ich möchte noch nichtmal Post erhalten. 

Ich komme in die Küche. Krümel, Milch und Marmelade. Alles da. Beruhigend, dass sich nichts verändert. Hinten auf dem Stuhl am Fenster sitzen meine Sorgen, sie grinsen feist und hängen sich an mich. Ganz schön schwer fege ich die letzten Überbleibsel der Krümel-Romanze weg und entferne Marmelade von Dingen, auf denen nie Marmelade sein sollte. 

Unangenehm im Bauch und schwer im Kopf verlasse ich mein Frühstück. Zeit für den Tag. Nicht für mich, aber für ihn.